Die Zahl der Todesopfer ist hier niedriger als in Ländern mit drakonischen Beschränkungen. Wie kann das sein?

Vor hundert Jahren marschierten in New York City 20.000 Menschen die Fifth Avenue hinunter, um gegen eines der größten gesundheitspolitischen Experimente der Geschichte zu protestieren. Einer von ihnen trug ein Schild mit einem Bild von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ neben dem Slogan „Wein wurde ausgeschenkt“. Daneben hingen Poster von George Washington, Thomas Jefferson und Abraham Lincoln. Auf einem anderen war zu lesen: „Tyrannei im Namen der Rechtschaffenheit ist die schlimmste aller Tyranneien“.

Ein Jahr lang waren Bier, Wein und Spirituosen in den gesamten Vereinigten Staaten verboten gewesen. Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit schien dies eine vernünftige Maßnahme zu sein. Dass Alkohol eine gefährliche Substanz ist, war klar: Krankheit, Gewalt, Armut und Kriminalität waren eng damit verbunden. Noch heute ist diese Maßnahme trotz ihres Scheiterns als das „noble Experiment“ bekannt. Aber war es richtig, die Menschen daran zu hindern, Getränke herzustellen, die sie nicht nur genossen, sondern die auch wichtigen kulturellen und religiösen Zwecken dienten? Nicht zum ersten Mal sahen sich die Amerikaner zwischen Freiheit und Sicherheit hin- und hergerissen – und auch nicht zum letzten Mal.

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