Gedanken zum Buch von Michael Diener „Raus aus der Sackgasse – Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubwürdigkeit gewinnt“

Der Ruf pietistisch-evangelikaler Christen, meist kurz „Evangelikale“ genannt, ist nicht der beste. In der Öffentlichkeit werden diese „Frommen“ meist kritisch beäugt, weil sie – in ihrem Glauben, Denken und Lebensalltag – der Bibel eine zentrale und fundamentale Rolle einräumen und an Glaubensüberzeugungen und Formen christlichen Lebens festhalten, die vielen als überholt gelten.  Der heutige Mensch, der sich als modern und weltoffen versteht und sich glaubensmäßig immer weniger an die Bibel und an christliche Traditionen gebunden fühlt, sieht die Bibel als veraltet, die nicht mehr in die heutige Zeit passe. Noch toleriert man evangelikale Christen, aber wie lange noch?  

Die Luft für bibeltreue Christen wird dünner

Auch in den evangelischen Landeskirchen, in denen Evangelikale zwar oft noch Mitglieder sind und mancherorts sogar noch den Kern der Ortsgemeinde bilden, gelten sie nicht selten als „die anderen“, mit denen man menschlich wohl zurechtkommt, aber eher Distanz bewahrt, weil man ihren Glauben für zu eng hält, für zu wenig zeitgemäß. Viele Evangelikale sind deshalb in Freikirchen und in kleine freie Gemeinden abgewandert. Aber auch dort wird für bibeltreue Christen die Luft allmählich dünner.  

Diener sieht sich als Grenzgänger und Brückenbauer …

Nun hat mit Michael Diener ein Buch vorgelegt, der sowohl die Evangelikalen als auch die Landeskirchen (gut) kennt. Als ehemaliger Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und ehemaliger Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD), zu deren Hauptvorstand er weiterhin gehört, ist er eine Leitungsperson im evangelikalen Bereich. Aber auch in der „Volkskirche“ nimmt Diener als Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) eine leitende Stellung ein. Zudem gehört er verschiedenen landeskirchlichen und evangelikalen Gremien an. Er selbst sieht sich als Grenzgänger und Brückenbauer zwischen evangelikalen und landeskirchlichen Christen.

Diener übt Kritik an der evangelikal-pietistischen Bewegung

Diener selbst kommt aus dem evangelikalen Umfeld. In seinem Buch übt er dennoch Kritik an der evangelikal-pietistischen Bewegung, die seiner Meinung nach in einer Sackgasse und in einer Glaubwürdigkeitsfalle stecke. Seine Ausführungen versteht er als konstruktive Kritik, worauf der Untertitel des Buches hindeutet: „Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubwürdigkeit gewinnt“. Es darf aber bezweifelt werden, dass das Buch diese Bewegung aus der von ihm wahrgenommenen „Sackgasse“ herausführt, sondern eher neue Spaltungen hervorruft und alte Spaltungen vertieft. In einer Glaubwürdigkeitsfalle stecken tatsächlich die (noch) großen christlichen Kirchen, und zwar seit Jahrzehnten, wie es die Jahr um Jahr erschreckend hohen Austrittszahlen überdeutlich zeigen.

Diener distanziert sich von seiner früheren biblisch-evangelikalen Frömmigkeit

Mit seinem Buch will Diener sich keineswegs von der Bibel und seinem christlichen Glauben verabschieden, aber er distanziert sich von seiner früheren biblisch-evangelikalen Frömmigkeit. Es scheint der Abschluss eines langen Prozesses zu sein, den er durchlaufen hat. Bei aktuellen Streitfragen wie Homosexualität, Gender, Abtreibung, Islam und anderen, wähnt Diener seine einstige Frömmigkeit am Ende. Hier liest er die Bibel mit anderen Augen als früher. Weil er meint, es sei nicht möglich, „in der Bibel geschilderte ethische Normen direkt und unreflektiert auf die heutige Zeit zu übertragen“ (S. 75), will er einen Brückenschlag für die Evangelikalen in die heutige Zeit. Diener versucht nichts weniger, als bibeltreue Christen – bildlich gesprochen – an die Hand zunehmen und sie zu öffnen für ein theologisch und politisch korrektes Denken, das in hohem Maße unsere Zeit prägt. Dass die von Diener erhoffte neue Glaubwürdigkeit der Evangelikalen einen links-grünen bzw. links-liberalen  Anstrich hat und theologisch korrekt dem säkularen  Zeitgeist angepasst ist, scheint ihn nicht zu stören, zumal er sich selbst offenbar politisch der linken Mitte zuordnet, wenn er kritisiert, dass wertkonservative Christen zu PEGIDA-Kundgebungen gehen oder „den fremdenfeindlichen Kurs der AfD“ unterstützen (S. 209).

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