Der politische Irrsinn hat eine neue Stufe erreicht: Eine gefeierte Autorin erklärt Juden zu unerwünschten Lesern. Die Reaktion ihres deutschen Verlages? Ein Hinweis auf die Vielfalt der Perspektiven, der man sich verpflichtet fühle.

Mein Sohn ist vor fünf Wochen eingeschult worden. Zu den Fächern, die er besonders mag, gehört Hebräisch. Er freut sich jedes Mal, wenn das Fach auf dem Stundenplan steht. Sie sind jetzt beim Buchstaben Schin angekommen. Schin wie in Schabat oder Schalom. Über seinem Bett hängt ein Plakat, auf das er in hebräischen Lettern seinen Namen geschrieben hat.

Man mag mir also verzeihen, wenn ich die Entscheidung des Ullstein-Verlages, sich nicht weiter zum Hebräisch-Boykott seiner Autorin Sally Rooney zu äußern, persönlich nehme. Frau Rooney ist die Autorin gefühlvoller Romane über Sorgen und Nöte der Millennials, wie die Generation der 25- bis 35-Jährigen genannt wird. Ihre Bücher haben sich millionenfach verkauft. Es gibt Ausgaben in 46 Sprachen, darunter Chinesisch und Farsi.

Nur in einer Sprache möchte Frau Rooney ihre Bücher nicht länger gedruckt sehen: in Hebräisch. Solange die israelische Regierung die Palästinenser schlecht behandele, müsse sie die Zusammenarbeit mit ihrem israelischen Verlag einstellen, teilte sie mit.

Man ist einiges an politischem Irrsinn gewohnt. Aber dass eine international gefeierte, von den Feuilletons geliebte und gelobte Schriftstellerin einen Teil der Leserschaft von der Lektüre ausschließt, weil diese zu einem Volk gehört, dessen Regierung einem nicht passt? Darauf muss man erst einmal kommen. Dank Sally Rooney ist die Kultur des Ausschlusses jetzt um eine Variante reicher: nach der politischen nun also auch die ethnische Cancel Culture. Gäbe es so etwas wie einen BDM-Gedächtnispreis für die verrückteste Exklusionsidee, die irische Schriftstellerin wäre eine heiße Anwärterin.

weiter