Wer vorausdenkt, der könnte seine Mitmenschen gleich dreifach nerven. Zuerst, indem er mahnt und warnt. Später, indem er fragt: Was habt ihr denn erwartet? Und zuletzt, wenn er für sich selbst antwortet: Ich habe das hier erwartet, genau das hier.

Was hast du denn erwartet? Wir kennen diese Frage, und sie ist rhetorisch gemeint. Der Fragesteller will nicht wirklich Informationen über unsere inneren Zustände in Erfahrung bringen. Wir sollen nicht wirklich unsere Erwartungen und Berechnungen zu Protokoll geben. Ohnehin wäre es zu spät, im Nachhinein ein Erwartungsprotokoll zu beginnen.

Die Frage nach den vorangegangenen Erwartungen ist ein psychologisch trickreicher Vorwurf. Der Gefragte soll zunächst zu antworten versuchen, und die Antwort soll ihm nicht gelingen.

Das Scheitern an der Antwort soll anstoßen, dass der Gefragte in Richtung seiner selbst einen bestimmten Vorwurf formuliert. In präzise Worte gebracht lautet dieser Vorwurf: Du hast die Folgen aktueller Entwicklungen und deiner Handlungen darin nicht ausreichend und ehrlich durchdacht, und so hast du auch deine Handlungen nicht sinnvoll an zu erwartende Geschehnisse anpassen können.

Was hast du denn erwartet? Eine plausible Antwort könnte so klingen: Meine Erwartung basierte auf Wunsch und Reflex, nicht auf den tatsächlichen Kausalitäten der Welt. Oder schlicht: Ich war zu naiv.

Ja, diese Frage ist ein Vorwurf, und damit eine sehr natürliche Angelegenheit.

Wir spüren ein jeder gelegentlich in uns den Drang, einen Vorwurf zu machen. Vorwürfe an die Mitmenschen. Vorwürfe an uns selbst.

Sobald es aber die eigene Person betrifft, mögen wir es gar nicht, Vorwürfen ausgesetzt zu werden, und das gilt auch dann, wenn wir diese Vorwürfe selbst formulierten – manche sagen: gerade dann. Vorwürfe sind unangenehm, auch und besonders Vorwürfe, die wir uns selbst machen, und doch machen wir sie. 

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