Ein Schweizer Doktorand twittert kritisch über China. Danach will seine Professorin an der Universität St. Gallen nichts mehr mit ihm zu tun haben – sie fürchtet, kein Visum mehr zu bekommen.

Als Oliver Gerber* zum ersten Mal hört, dass seine Tweets ihn seinen künftigen Doktortitel kosten könnten, sitzt er in seinem alten Kinderzimmer. Es ist der 28. März 2020, 21 Uhr 50. In Gerbers Postfach geht eine E-Mail seiner Betreuerin von der Universität St. Gallen (HSG) ein. Betreff: «Sehr dringend: Beschwerde aus China wegen Ihrem Twitter».

Gerber klickt die E-Mail auf seinem Smartphone an. Die Professorin schreibt, sie habe «aufgeregte Mails aus China» erhalten: Gerber verbreite «Neonazi-ähnliche Inhalte» auf Twitter. Das sei gefährlich, auch für sie: «Am Ende kann sogar möglicherweise ich wegen Ihnen kein Visum für China bekommen. Das geht entschieden zu weit und ich müsste unser Betreuungsverhältnis beenden.» Er solle seine politische Ausdrucksweise in der Öffentlichkeit sofort mässigen. Sie habe «keine Lust wegen einem meiner Doktoranden solche Mails zu bekommen».

Oliver Gerber muss die Nachricht zweimal lesen. Er twittert seit zehn Tagen, ihm folgen weniger als zehn Personen. Klar, er hat die chinesische Regierung scharf kritisiert. So postete er beispielsweise am 21. März auf Englisch: «Die Kommunistische Partei Chinas machte den Kampf gegen Covid-19 zum Plan B. Dieser würde nur zum Tragen kommen, wenn Plan A – Vertuschung – scheitert. So handeln paranoide Feiglinge. Sie haben weder meinen Respekt noch meine Dankbarkeit verdient. #ChinaLiedPeopleDied». weiter