Der russische Think-Tank Russtrat produziert sehr lesenswerte (geo-)politische Analysen. Nun hat man sich dort das Ende der Ära Merkel und die Politik der Grünen, sowie die künftige Kanzlerin Baerbock angeschaut. An ihrem Sieg bei der Bundestagswahl wird nicht gezweifelt

ch habe schon einige der Analysen von Russtrat übersetzt, Sie finden Beispiele hier und hier. Nun habe ich eine Analyse des Think Tanks zur Lage in Deutschland gefunden, die ich so interessant fand, dass ich sie auch übersetzt habe, obwohl sie recht lang ist.

Beginn der Übersetzung:

Was wird aus Deutschland, wenn die Grünen gewinnen?

Die Bundestagswahl am 26. September 2021 wird aus drei Gründen epochal. Erstens wird es das letzte Mal sein, dass die Wähler ihren Willen auf dem Papier ausdrücken werden. Spätere Wahlen werden nur noch elektronisch durchgeführt. Zweitens: Angela Merkel, die das Land seit 2005 ununterbrochen geführt hat, wird nicht mehr Bundeskanzlerin.

Das Wichtigste aber ist das Dritte: Der Block aus CDU/CSU, dank der sich insbesondere die russisch-europäischen Beziehungen aktiv entwickelt und dann dem amerikanischen Druck relativ erfolgreich widerstanden haben, wird mit Sicherheit keine Mehrheit bekommen und keine Regierung bilden können, womit die Ära der besonderen deutschen Politik beendet wäre. Im Herbst wird Europa endgültig anti-russisch werden.

Man kann nicht sagen, dass Deutschland in der Vergangenheit besonders freundlich zu uns war. Es ist nur so, dass Politik immer aus der Wirtschaft kommt, und die wirtschaftlichen Interessen Moskaus und Berlins (vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten Bonns) deckten sich weitgehend, selbst wenn man die Mitgliedschaft der BRD in der NATO berücksichtigt.

Die von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg entworfene politische Struktur des westdeutschen Staates sprach sich deshalb für eine Normalisierung der Beziehungen zum „großen östlichen Nachbarn“ aus. Wenn auch nicht für Freundschaft, aber doch für Berechenbarkeit, Beständigkeit und normale Handelsbeziehungen, die nicht mit Politik vermischt wurden. Und das alles beruhte auf der Stabilität der Zentralisten von CDU/CSU.

Der Parteiblock der Christlich Demokratischen Union (CDU) und der Christlich Sozialistischen Union (CSU) deckte den gesamten erlaubten Raum der politischen Ideen und Ziele, die für den deutschen Staat „erlaubt“ waren, fest ab. Ohne auf Feinheiten einzugehen, besetzte die CDU „die Mitte und ein wenig Konservatismus nach rechts“ und die CSU nahm ein wenig „von der Mitte nach links“ und bildete so den sehr starren ideologischen Zentrismus, auf dessen Fundament der deutsche Staat seit mehr als sieben Jahrzehnten den äußeren und inneren Herausforderungen begegnet.

Die ersten 50 Jahre schien das eine gute Sache zu sein. CDU/CSU ließ im politischen Spektrum keinen Platz für eine parlamentarische Rechte, was als verlässlicher Schutz gegen ein Wiederaufleben des Faschismus diente. Etwas schlechter sah es bei den „Linken“ aus. Zwar gab es in Deutschland die Sozialdemokraten (SPD), aber ihr parlamentarischer Raum blieb zu dünn, um ernsthaft Popularität zu gewinnen.

Trotz ihrer langen Geschichte (die SPD wurde 1863 gegründet) nahm sie ihre heutige Form nach der Unterzeichnung des „Godesberger Programms“ im Jahr 1959 an, in dem die soziale Marktwirtschaft akzeptiert und der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung als Ersatz für den Kapitalismus in einer ungewissen Zukunft formalisiert wurde. Letztendlich lief alles auf die Idee hinaus, eine Marktwirtschaft mit aktiver Beteiligung des Staates an der sozioökonomischen Politik zu schaffen.

Obwohl die SPD in Deutschland formell mehrere Bundeskanzler stellte (Willy Brandt 1969-1974, Helmut Schmidt 1974-1982, Gerhard Schröder 1998-2005) und insgesamt 34 Jahre an Regierungskoalitionen beteiligt war, ist es offensichtlich, dass die Popularität der Sozialisten, vor allem bei jungen Menschen, in dem Land in dieser Zeit leise erodiert ist und allmählich abnimmt.

Die Lage der Partei selbst wurde mehr und mehr durch ihre Rolle als wichtige Ergänzung definiert, die es der CDU/CSU ermöglichte, eine Regierung zu bilden und die strategische Linie des Staates zu definieren. Die bezeichnete auch sofort jeden „mit radikaleren linken Ideen“, die in einer zentristischen Wohlstandsgesellschaft stark abgelehnt werden, als radikal. weiter