Das Wesen der Lüge steckt viel tiefer als in dem Widerspruch
zwischen Denken und Sagen. Man könnte sagen,
der Mensch, der hinter dem Wort steht macht dieses zur Lüge
oder zur Wahrheit. Aber auch dies genügt nicht; denn Lüge ist
etwas Objektives und muß dementsprechend bestimmt werden.
Jesus bezeichnet den Satan als den »Vater der Lüge« (Johannes 8, 44).
Lüge ist zuerst die Leugnung Gottes, wie er sich der Welt bezeugt
hat. »Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, das
Jesus der Christus ist?« (1 Johannes 2, 22) Lüge ist Widerspruch
gegen das Wort Gottes, wie er es in Christus gesprochen hat,
und in dem die Schöpfung beruht. Lüge ist demzufolge die Verneinung,
Leugnung und wissentliche und willentliche Zerstörung
der Wirklichkeit wie sie von Gott geschaffen ist und in
Gott besteht, und zwar soweit dies durch Worte und durch
Schweigen geschieht. Unser Wort hat die Bestimmung, in der
Einheit mit Gottes Wort das Wirkliche, wie es in Gott ist, auszusagen,
und unser Schweigen soll das Zeichen sein für die
Grenze, die dem Wort durch das Wirkliche, wie es in Gott ist,
gezogen ist.

Dietrich Bonhoeffer