Die Bezeichnungen Palästinenser und Palästina gehen uns heute selbstverständlich über die Lippen. Doch der Begriff Palästina hat eine interessante Entwicklung erlebt.

Erstmals taucht er im 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf. An einer Tempelwand in Madinat Habu rühmt der ägyptische Pharao Ramses III. seinen Sieg über die syrischen Nachbarn. Unter den Besiegten erwähnt er Philistäa.[1]

Antike Schriftsteller

Im 5. Jahrhundert v.Chr. schrieb der griechische Reisende Herodot von Halikarnassos von Συρία (ἥ) Παλαιστίνη/Syria (he) Palästine, dem „palästinischen Syrien“ (I,105,1). Er betrachtete den Küstenstreifen „bis nach Ägypten“ (VII,89,2) als Teil Syriens. Als Bewohner dieses Gebiets kannte der Geschichtsschreiber „Phönizier und Syrer in Palästina“ (II,104,15).

Bis ins 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verwendeten politische Autoren für das Gebiet ausschließlich den Provinznamen Ιουδαία/Judäa. Die Küstenebene am Ostrand des Mittelmeeres betrachteten sie als Teil Phöniziens.

„Palästina“, eine Übersetzung des biblischen Begriffs „Israel“?

Gemeinhin wird angenommen, der Begriff Palästina sei eine Ableitung vom „Land der Philister“, hebräisch פְּלֶשֶׁת/Peleschet. Der britische Archäologe David Michael Jacobson[2] hat allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff möglicherweise einen anderen Ursprung hat.

1. Mose 32,23-33 berichtet von Jakobs Kampf am Jabbok. Das Ergebnis dieses Ereignisses war nicht nur, dass der Stammvater des auserwählten Volkes hinkte, sondern auch ein neuer Namen: Israel. Die Bedeutung dieses Namens erklärt der biblische Text in Vers 29: „du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und standgehalten.“

Jacobson beobachtet, dass die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel aus dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die gemeinhin als Septuaginta (LXX) bekannt ist, in den Versen 25 und 26 das griechische Verb παλαίω/paläo verwendet, wenn ausgesagt wird, dass Jakob mit einem Unbekannten in einen Ringkampf verwickelt wurde.[3]

Sodann sieht Jacobson, dass die antiken Autoren mit dem Begriff Παλαιστίνη/Palästine weniger das Land der Philister, als vielmehr das gesamte, um einiges größere Land Israel bezeichnen. Schließlich bemerkt er rein philologisch, wie nah Παλαιστίνη/Palästine dem Hauptwort παλαιστής/palästes (= Ringkämpfer)[4] steht: Die beiden Worte „haben sieben Buchstaben hintereinander gemeinsam, darunter einen Diphthong“.

Aufgrund dieser Sachlage gelangt der Orientalist zu der Hypothese, dass der geografische Begriff Παλαιστίνη/Palästine ursprünglich ein griechisches Wortspiel darstellte, das eine Übersetzung des hebräischen Wortes ישראל/Jisra’el mit der Lautähnlichkeit von Palästina mit פְּלֶשֶׁת/Peleschet, dem Land der Philister, kombiniert. Laut Jacobson sei das Volk Israel in griechischen Augen Nachfahren eines gleichnamigen Helden, eines Gotteskämpfers (παλαιστής/palästes), gewesen.

Palästina als antijüdischer Begriff

Als Hadrian im Jahr 135 nach dem zweiten jüdischen Aufstand unter Schimon Bar Kochba die Provinz Judäa in Syria Palaestina umbenannte[5], habe der römische Kaiser – so David Jacobson – damit lediglich eine „Rationalisierung des Namens“ vorgenommen. Zudem hätte er damit der Tatsache Rechnung getragen, dass die römische Provinz sehr viel größer gewesen sei, als das biblische Judäa.

Allerdings führte Roms Kaiser nicht nur den Namen Palästina als politischen Begriff ein. Er gab auch dem biblischen Sichem den Namen Neapolis. Da Araber B und P nicht unterscheiden können, heißt die Stadt bis heute Nablus. Jerusalem wurde von Hadrian in eine Militärkolonie mit Namen Aelia Capitolina umfunktioniert. Infolgedessen wurde die Stadt nach der Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert Ilia genannt. Auf dem Tempelberg errichtete Hadrian einen Jupiter-Tempel, an der Stelle der heutigen Grabeskirche ein Venus-Tempel. Bei Todesstrafe war Juden der Zugang zur Heiligen Stadt untersagt.

Deshalb ist es durchaus berechtigt, anzunehmen, dass der römische Kaiser nach dem Bar-Kochba-Aufstand den Widerstand des jüdischen Volkes und seine Verbindung zum Land Israel brechen wollte.[6] Jedenfalls trägt seit dieser Zeit der Begriff Palästina das Stigma, jeden jüdischen Anspruch auf ארץ ישראל/Eretz Jisrael auslöschen zu wollen.

In der rabbinischen Literatur begegnet der Name פְּלַסְטִינֵי/Pelastinei (= Παλαιστίνη/Palästine) äußerst selten.[7] 333 n.Chr. stellte der Pilger von Bordeaux fest: „Einst bewohnten die Hebräer Judäa, das bei uns Palästina genannt wird“.[8]

Das 19. Jahrhundert prägte christliche Bibelausgaben…

Reiseführer aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nannten das Gebiet zwischen Ägypten und dem Zweistromland Palästina. Damals war das allerdings ein geografischer Begriff, vergleichbar den Begriffen Schwarzwald, Alpen oder norddeutsche Tiefebene.

Gelehrte bezeichneten sich als Palästinaforscher. Der deutsche Theologieprofessor Gustav Hermann Dalman schrieb Bücher über „Arbeit und Sitte in Palästina“[9] oder den „Palästinensischen Diwan. Als Beitrag zur Volkskunde Palästinas“.[10] Er war Professor für Palästinawissenschaft in Greifswald und Herausgeber der Zeitschrift „Palästina-Jahrbuch“.

Aus dieser Zeit stammen die Bezeichnungen auf Landkarten in alten Lutherbibeln, die von „Palästina zur Zeit des Alten Testaments“, „Palästina zur Zeit des Neuen Testaments“ oder „Palästina aus der Vogelschau“ reden.[11] Die Privilegierte Württembergische Bibelanstalt in Stuttgart gab 1913 eine „Palästina-Bilder-Bibel“ heraus.

…und eine Übersetzung des Talmud ins Englische

Die 30-bändige hebräisch-englische Ausgabe des Babylonischen Talmuds, die zwischen 1960 und 1990 im Verlag Soncino Press in London erschien, gab den hebräischen Begriff ארץ ישראל/Eretz Jisrael nicht mit „Land of Israel“ wieder, sondern übersetzte konsequent „Palestine“.

Der Begriff Palästinenser in seiner heutigen Bedeutung für eine ethnische Gemeinschaft taucht in den Reiseführern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht auf. Die Araber – so Jesaias Press in seinem „Neuen Palästina-Handbuch“ von 1934 – „machen ungefähr drei Viertel der Bevölkerung aus und teilen sich in Madain (Städter), Fallachin (Fellachen, Bauern) und Beduinen (Wüstenbewohner, Nomaden).“[12] weiter