Statt auf Mitgefühl stiessen die Holocaust-Überlebenden in Israel in den Anfangsjahren nicht selten auf Argwohn. Der ist heute überwunden. Die Geschichte einer Emanzipation.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945, als sich die Amerikaner und die Engländer anschickten, Dresden zu bombardieren, stand Liselotte Zeckendorf am grossen Herd in der Küche des SS-Aussenlagers in Oederan und kochte Suppe. Die deutsche Aufseherin sass in einer Ecke und gab ihr in barschem Ton einen Befehl nach dem anderen. Sie duzte «Lisa», Lisa siezte zurück. Sie machte gerne Küchenabenddienst, denn das bedeutete eine Suppe mehr am Tag, eine dünne Brühe aus Rüben, Kartoffeln und etwas Salz, aber dennoch eine Suppe mehr. Zu kochen hatte Lisa für die jüdischen Frauen, die im Oktober 1944 aus dem Vernichtungslager Auschwitz nach Oederan verlegt worden waren und nun in der stillgelegten Nähfadenfabrik Kabis Munition für den totalen Krieg der Nazis herstellen mussten.

Oederan liegt in der Nähe von Dresden. Es war um 10 Uhr abends, als Lisa einen ungewöhnlichen Hauch spürte. Sie kontrollierte die Fenster, aber die waren geschlossen. Der Hauch wurde zum Luftzug, irgendetwas begann zu sirren, daraus wurde ein Grollen, schliesslich ein Dröhnen. Der Luftangriff auf Dresden hatte begonnen. «Mach das Licht aus!», schrie die Aufseherin, Lisa gehorchte, und dann sassen die beiden Frauen in der Dunkelheit und lauschten den Erschütterungen. In der Ferne glühte die Korona des Feuerinfernos.

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