Deutschland brodelt

Von Roger Köppel

Nach der Bluttat von Hanau waren sich die meisten deutschen Politiker und Meinungsmacher einig: Die Bundesrepublik wird von fanatisiertem Rechtsterrorismus heimgesucht. Fast alle Verlage und Parteien drückten ihre Sorgen aus. Die deutsche Demokratie sei in Gefahr, warnte die Welt. Erinnerungen an den Untergang der Weimarer Republik vor Hitlers Machtergreifung machten die Runde. Schnell war man mit Verantwortlichen bei der Hand. Die rechte AfD trage die Hauptschuld. Selbst die eher zurückhaltende Frankfurter Allgemeine packte den Zweihänder aus: Die AfD habe «Blut geleckt» mit ihren Parolen aus der «Hölle des Hasses».

Vielleicht ist es ratsam, der deutschen Aufgewühltheit etwas weniger expressionistisch zu begegnen. Deutschland steht nicht am Abgrund. Mitnichten wanken die demokratischen Institutionen. Der Mehrfachmord von Hanau war die üble Tat eines geistig schwerstverwirrten Einzelkriminellen. Der bis dahin unscheinbare Bankangestellte Tobias R. lebte in einer Wahnwelt eingebildeter Hirnmanipulationen. Durch die Ermordung von Ausländern wollte er sich in eine Zeitschlaufe einklinken, um den Fehlversuch der Schöpfung an ihrem Ursprung vor vier Milliarden Jahren zu korrigieren.

Dieses Verbrechen als politisch motivierten Terrorakt zu deklarieren, wie es Deutschlands Innenminister Seehofer tat, wird dem seiner psychiatrischen Eigenlogik folgenden Killer kaum gerecht. Es ist auch unfair seitens der Regierung, Parteien und Politiker der Opposition für die Wahnsinnstat eines klinisch Wahnsinnigen haftbar zu machen. Natürlich hat der Täter in seiner verschobenen Wahrnehmung auch Signale aus der realen Politik empfangen. Aber wenn einer einen Western im Fernsehen anschaut und nachher auf der Strasse alle Menschen erschiesst, die ihn an Indianer erinnern, ist nicht der Western schuld.

Kein Missverständnis: Die Frage rechts- und linksextremer Gewalt ist relevant in Deutschland. Insgesamt ist die linksextreme Szene grösser und gefährlicher. Doch seit der Flüchtlingskrise 2015 mehren sich anscheinend Anschläge und Gewaltverbrechen von rechts. Darüber soll man ernsthaft diskutieren, aber der Fall Hanau ist der falsche Anlass. Die Instrumentalisierung eines Geisteskranken für innenpolitische Zwecke schwächt das eigene Argument. Man kommt einer AfD nicht bei, indem man sie und ihre Wähler in die Nähe eines gewalttätigen Irren rückt.

Deutschland hat eine belastete Geschichte von Angriffskrieg, Diktatur und Völkermord. Es ist verständlich, dass die Politik und viele Deutsche auf rhetorische Entgleisungen und Gewaltakte von rechts empfindlicher reagieren. Die extreme Polarisierung zwischen linken und rechten Feinden der Demokratie brachte die Weimarer Republik zum Einsturz. Nachvollziehbar, dass die Deutschen heute dem politischen Stil mehr Wert beilegen. Wenn aber mittlerweile jeder, der rechts von Angela Merkel steht, öffentlich als «Nazi» angeprangert werden darf, dann stimmt etwas nicht mehr. Viele Leute empören sich zu Recht. Die Eskalation der Vorwürfe schafft nur Wut und Protestwähler. weiter

Kapitulation des Bürgertums
Mehr und mehr macht Deutschland den Eindruck eines Umerziehungslagers. Seit 2005 wird das Volk einer Gehirnwäsche unterzogen, die schon große Teileder bürgerlichen Gesellschaft um den kritischen
Verstand brachte. Sich selbst entfremdet, setzen sie blindes Vertrauen in das Vorgesagte.
Dank ihrer politischen Sozialisation in einem propagandistisch gelenkten Staat verfügte
Angela Merkel über die Kaltblütigkeit, nicht bloß die CDU umzudrehen, sondern die öffentliche
Meinung überhaupt sozialistisch zu kanalisieren. Ungeahnte Spielräume taten sich auf. Parteien, die Anspruch auf das Adjektiv „demokratisch“ erheben, vernebelten die Gehirne mit dem Diktat
totalitärer Ansichten. Zahlreiche Medien unterstützen sie kommunikativ.
Was seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch das Einsickern linken und
grünen Gedankengutes in die saturierten Verhältnisse  Helmut Kohl bezeichnete die Achtziger
und die Neunziger einmal als das „Augusteische Zeitalter“ der Bundesrepublik  was von daher
vorbereitet war, vollendete sich unter Merkels Regentschaft. Eingeschüchtert durch die Verbreitung
apokalyptischer Visionen und geblendet durch die Verkündigung entgegengesetzter Heilsversprechen,
stürzte das Bürgertum in eine Sinnkrise, die es anfällig machte für realitätsferne Ideologien.
Ganz gleich, ob es darum ging, die Gefährdung des Wohlstands durch den „Kapitalismus“ abzuwenden,
oder darum, den Weltuntergang infolge der „Klimakatastrophe“ zu beschwören, immer triumphierte die
politische Behauptung über die Wirklichkeit.
Wie auf Knopfdruck leiern sie herunter, wovon sie überzeugt sein sollen: Der Diesel schnürt uns die
Luft ab; Trump ist des Teufels, der Brexit das Werk Irregeleiteter; von Moslems begangene Morde gehen
auf das Konto geistesgestörter „Einzeltäter“; „rechter Terror“ war dagegen die Ermordung von neun Menschen
mit Migrationshintergrund durch einen Wahnsinnigen in Hanau; und angestiftet wurde der Bio-Deutsche von der AfD.

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