Eine neue Studie zeigt, wie Salafisten in Frankreichs Vorstädten die Kontrolle übernehmen.

Islamisten bringen immer mehr französische Wohnviertel unter ihre Kontrolle: Nach vier Jahren Recherchen in der Banlieue hat der Islam-Forscher Bernard Rougier jetzt einen aufsehenerregenden Sammelband über die „eroberten Territorien des Islamismus“ vorgelegt. Auf 353 Seiten dokumentiert der Professor, der am Zentrum für Arabische und Orientalische Studien der Sorbonne-Universität lehrt, die schleichende Islamisierung in sozialen Brennpunktvierteln. „Les territoires conquis de l’islamisme“, so der französische Originaltitel, liest sich wie ein Echo auf die vor knapp zwei Jahrzehnten veröffentlichten Warnungen von Lehrern aus der Banlieue. Sie betitelten ihren Sammelband damals „Die verlorenen Territorien der Republik“ („Les territoires perdus de la République“). Rougier zeichnet nach, wie die Einwandererviertel seither in die Hände religiöser Agitatoren gefallen sind und ein islamisches Gegenuniversum im Entstehen ist, in dem demokratische Werte als nachrangig gelten.

Im Gespräch mit dieser Zeitung beschreibt Rougier, wie die Ergebnisse der Recherchen an Tabus rütteln. „Aus dem gutgemeinten Motiv heraus, der extremen Rechten um Marine Le Pen nicht neue Argumente gegen Franzosen mit Migrationshintergrund zu liefern, hat man die Augen vor der Entwicklung verschlossen“, sagt er. Solange die politischen Entscheidungsträger nicht das Ausmaß der Herausforderung erfassten, könnten sie aber nicht gegensteuern. Seine Erkenntnisse seien wissenschaftlich belegt. „Wir haben umfassende Feldstudien betrieben“, sagt Rougier.

Ein Dutzend Studenten aus dem islamischen Kulturraum sei monatelang ausgeschwärmt, um in den Alltag der Bewohner von Pariser Vorstädten mit hohem Einwandereranteil wie Aubervilliers oder Argenteuil einzutauchen. Aufgrund ihres Migrationshintergrundes und als Muslime hätten die Studenten viel mehr erfahren, als es einem Außenstehenden je möglich gewesen wäre. Sie besuchten die Freitagsgebete in den Moscheen, die Cafés und islamischen Buchhandlungen und hörten sich auf den Fußballplätzen und in den Sporthallen um. Sie waren auch in den sozialen Netzwerken ihrer Bekanntschaften aus der Moschee aktiv, in denen sie viel über deren Blick auf die französische Gesellschaft erfuhren. Sie hätten ein „umfassendes islamistisches Ökosystem“ entschlüsselt. „Weiße Franzosen werden als Eindringlinge betrachtet. Deshalb war der Beitrag meiner Studenten von unschätzbarem Wert“, sagt der Islam-Forscher, der für seine Recherchen Fördergelder von der Hauptstadtregion Île-de-France erhielt. Es beunruhige ihn, dass einer seiner Studenten Drohungen erhalten habe und seinen Wohnort wechseln musste. Rougier arbeitete auch mit anderen Islam-Forschern zusammen, die in Straßburg, Toulouse, im Frauengefängnis von Fleury-Mérogis oder im Brüsseler Stadtteil Molenbeek recherchierten.

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