So grün wie meine Brotbüchse

Von Pauline Schwarz | Egal ob man gemütlich durch die Berliner Straßen läuft oder ob man einen Blick in die Nachrichten wirft, man sieht sie einfach überall: kleine, kreischende und hüpfende „Aktivisten“. Mein erster Impuls ist immer der selbe – ich will diese rotzfrechen Gören am liebsten anschreien und ihnen um die Ohren hauen, was für einen grandiosen Mist sie den ganzen Tag von sich geben. Doch dann überkommt mich schnell eine viel tiefere Wut, die sich nicht gegen die Kinder richtet. Im Gegenteil.

Die können für diesen ganzen Mist nämlich überhaupt nichts. Die Kinder kommen doch nicht von sich aus auf die Idee, für die Rettung der Welt vor der Klimaapokalypse zu demonstrieren. Normale Kinder wollen spielen, lernen und die Welt entdecken. Nicht auf der Straße stehen, um Phrasen zu brüllen, die sie überhaupt nicht verstehen. Die Erwachsenen missbrauchen ihre Kinder, um ihren eigenen verrückten Idealen Ausdruck zu verleihen und machen sie so zu einer neuen Generation heranwachsender Gutmenschen.

Als ich in Berlin-Kreuzberg aufwuchs, musste ich diese Indoktrination am eigenen Leib erfahren. Das fing natürlich schon bei meinen Eltern an, die die links-grüne Kreuzberger Lebensart voll verinnerlicht hatten. So richtig überzeugt und geformt wurde ich aber vor allem in der Grundschule.

Der bessere Mensch

Ich besuchte eine inklusive Schule, die für nichts mehr stand als Toleranz und Gleichheit – die wichtigsten Eigenschaften eines guten Menschen. Das bedeutete für mich zunächst, in eine Klasse zu kommen, die zur Hälfte aus ausländischen Kindern bestand. Das allein war nichts Neues, es entsprach einfach nur den Verhältnissen der Menschen, die – wie ich – rund um die Schule wohnten. Neu war aber, dass man sich von verhaltensauffälligen und behinderten Kindern in keinster Weise unterscheiden durfte. Anfangs fiel mir das sehr schwer, weil ich vorher noch nie Kontakt zu schwerbehinderten Menschen hatte. Das geistig und körperlich behinderte Mädchen in meiner Klasse, das weder sprechen noch laufen konnte, machte mir Angst, und, um ehrlich zu sein, ekelte ich mich auch vor ihr. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an sie und war später genau wie alle anderen absolut scharf auf den „Selin-Dienst“. Paarweise durften sich nämlich alle Kinder mal um Selin kümmern, und das bedeute Fahrstuhl fahren und Mittag essen in der Kantine! Mir ging es dabei keine Sekunde darum, dem behinderten Mädchen wirklich zu helfen, auch wenn ich es niemals zugegeben hätte und mich insgeheim dafür schämte. Ich wollte einfach auch mal Fahrstuhl fahren, das durften normale Kinder nämlich nicht mal in Ausnahmefällen. Als meine Schwester sich im Sportunterricht den Fuß brach, ließ man sie sogar unter großen Schmerzen erst in den dritten Stock und dann wieder runter humpeln.

Ob ich in meiner Klasse auch verhaltensauffällige Kinder hatte, wurde offiziell nie bestätigt. Rückblickend bin ich mir bei drei Mitschülern, aber ziemlich sicher. Genauso sicher, wie das Integrationsprogramm zumindest in der Hinsicht funktionierte, dass sich das Klassenklima und das ganze Niveau den vorlauten und asozialen Kindern unterordnete. Als ich eingeschult wurde, war ich ziemlich ängstlich und traute mich kaum anderen Leuten meine Meinung zu sagen – als ich die Grundschule verließ, hatte ich ein ausgewachsenes Autoritätsproblem und eine ziemlich große Klappe.

Kampf an der Gemüsefront

Der bessere Mensch ist aber nicht nur allumfassend tolerant, er ernährt sich auch gesund und achtet auf nachhaltige Landwirtschaft. Um das zu lernen, machten wir gefühlt bei jedem existierenden Bildungsprogramm mit. Statt Mathe lernte ich in „Schulobst- und Gemüseprogrammen“, dass man das Grünzeug fünf mal am Tag in sich reinschaufeln musste, wenn man nicht mit 30 tot umfallen will. Nachdem mir eine Woche lang mit tausend verschiedenen Krankheiten gedroht wurde und ich x Bilder von faulen Zähnen und extrem fettleibigen Leuten gesehen hatte, bekam ich davor wirklich richtig Angst. Zur Belohnung bekam ich dann aber zumindest eine Auszeichnung zum „Fünf-am-Tag-Kid“.

Dann folgte aber auch schon der nächste Schritt: Als beurkundeter Gemüseaktivist durften meine täglichen Portionen nämlich auf keinen Fall aus genmutierten und chemieverseuchten Mörder-Möhrchen bestehen. Nur das Beste, also ausschließlich Bio, sollte es sein. Meinen Lehrern reichte die Angst-Indoktrination allein nicht aus, ich sollte echten Kampfgeist entwickeln. Dafür setzten sie auf unseren kompetitiven Ehrgeiz, und das hatte auch Erfolg: Für den wissenschaftlich und intellektuell überaus wertvollen Wettbewerb „Bio find ich Kuh-l“ legten wir uns richtig ins Zeug. Wir fuhren extra auf einen Bio-Bauernhof in Dahlem und drehten dort ein Aufklärungsvideo für den dämlichen Otto-Normalbürger. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Obst und Gemüse, sondern vor allem um die armen kleinen Tierchen, die in der Massenproduktion gequält wurden. Ich war schon von klein vernarrt in Tiere aller Art und war schockiert, über die grausamen Dinge, die mir auf diesem Bauernhof erzählt wurden. Die kleinen süßen Schweinebabys, die sich vor mir so vergnügt im Dreck suhlten, sollten von ihrer Mutter getrennt und dann zusammengepfercht gemästet werden? Die schönen großen Kühe wund gemolken und die putzigen Küken einfach lebendig geschreddert? Zu jedem Tier gab es eine andere grausige Geschichte, die mir fast das Herz brach. So sehr, dass ich weinen musste. Ich wischte mir die Tränen aber schnell wieder aus dem Gesicht, bevor sie jemand sehen konnte und meldete mich tiefentschlossen für eine führende Rolle in unserem Aufklärungsfilmchen.

Um zu überprüfen, ob wir unser neu erworbenes Wissen dann aber auch wirklich verinnerlicht hatten und, wenn nötig, auch noch unsere Eltern ausreichend terrorisierten, gab es alle paar Tage eine strenge Brotbüchsenkontrolle. Sobald das Kommando kam, mussten wir uns in Reih und Glied aufstellen und unsere Brotbuchse vor uns halten, sodass unsere Lehrerin rumgehen und jede einzeln mustern konnte. Ich hatte höllische Angst vor diesem Prozedere, weil jedes Mal mindestens ein Kind angebrüllt und vor allen anderen gedemütigt wurde – wegen den kleinsten Leckerbissen wie Weißbrot, Nutella oder gar Süßigkeiten. Ich bekam eh nur olles Graubrot mit Salat, trotzdem zitterten meine Hände vor Angst, wenn ich meine leuchtend grüne Brotbüchse vor mich hielt, die ich als Einschulungsgeschenk von Vertretern der gleichnamigen Partei bekommen hatte. Als meine Lehrerin mit strengem Blick von meiner Buchse aufsah und weiterging, ohne etwas zu sagen, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Schon im nächsten Moment zuckte ich aber wieder zusammen, als sie ein anderes Kind erwischte, dass mit seinem Essen die Kollektivmoral der Klasse bedrohte.

Mitgefühl um jeden Preis 

Bei dieser Moral darf Großherzigkeit und Mitgefühl natürlich auch nicht fehlen – wir waren ja schließlich alle Gutmenschen in Ausbildung. Neben der üblichen Propaganda, von armen hungernden Kindern in Afrika und unserer eigenen Konsumgeilheit und Verschwendungssucht, wurden uns diese Tugenden dann aber mit wirklich brutalen Methoden aufgezwungen. Als 2004 der große Tsunami hunderttausenden Menschen in Südostasien das Leben kostete, mussten wir uns im Unterricht eine kurz danach erschienene Reportage über das Unglück ansehen. Sie zeigte nicht nur die tragischen Geschichten einzelner Menschen, die fast gestorben wären und ihre Angehörigen verloren hatten, sondern auch die zerstörte Umgebung. Ich werde den Moment nie vergessen, als der Sprecher sagte „Es hängen tote Tiere und tote Kinder in den Bäumen“. Diese Bilder haben sich bei mir tief eingebrannt, genau wie die Totenstille in meiner sonst so lauten Klasse. Sie wurde erst durchbrochen, als ein Mädchen anfing zu weinen. Ich war damals 8 Jahre alt und genau wie die meisten anderen vorher noch nie mit dem Tod konfrontiert worden. Ich war erstarrt und schockiert – so sehr, dass ich viele Nächte lang immer wieder von den schrecklichen Bildern träumte. weiter