Warum Europas Zentralbanker so gern das Bargeld abschaffen würden

Immer häufiger ziehen Notenbanken eine Abschaffung von Münzen und Banknoten in Erwägung. Warum sie auf elektronische Zahlungsweisen umstellen wollen und wie sie dabei vorgehen wollen.

Bargeld steht immer häufiger im Fokus von EuropasNotenbankern. Die Zentrale Überlegung: Es muss weg! Statt Bargeld wollen sie künftig elektronisches Bezahlen attraktiver machen. Aber warum eigentlich? Das sind die Vermutungen der EZB:

1. Bargeld schadet der Umwelt

Eine neue Studie der niederländischenZentralbank kam zu dem Ergebnis, dass Barzahlungen der Umwelt schaden. Das berichtet das „Handelsblatt“. Der Grund: Barzahlungen setzen mehr schädliche Gase frei, als Kartenzahlungen.

Demnach produziere Kartenzahlung 21 Prozent weniger CO2 als Barzahlung – pro Zahlvorgang. Geldautomaten seien dabei ein entscheidender Faktor. Werde die Anzahl der Geldautomaten um 25 Prozent reduziert, sinke der CO2-Ausstoß durch Bezahlungen insgesamt um acht Prozent.

Eine komplette Umstellung auf Kartenzahlungen führe sogar zu 20 Prozent weniger CO2-Ausstoß. Zugleich betonen die Studienautoren aber, dass der Anteil am gesamten CO2-Ausstoß schwindend gering sei.

2. Weniger Kriminalität

Eine Abschaffung des Bargelds könnte zu einem deutlichen Rückgang der Kriminalität führen. Überfälle auf Banken und Geschäfte könnten abnehmen, da sie sich schlichtweg nicht mehr lohnen. Auch Erpresser, Dealer und andere Kriminelle müssten Ihr Geschäftsmodell überdenken.

3. Weniger Schwarzarbeit

Schwarzarbeit könnte bekämpft werden, da Löhne überwiesen werden müssten. Dadurch würden auch die Steuereinnahmen des Staates steigen. Beschäftigte würden von ihren Sozialversicherungsbeiträgen und einem besseren Versicherungsschutz profitieren. 

Was dagegen spricht:

  • Der Staat könnte jede einzelne Transaktion jedes Bürgers bis ins Detail nachvollziehen. Der Bürger würde dadurch noch gläserner werden.
  • Das Beispiel Bitcoinzeigt, dass mit einer Bargeldabschaffung die Cyberkriminalität zu einem größeren Problem werden würde.

Abwerten oder gleich abschaffen?

Um den Wandel hin zu elektronischen Zahlungsweisen zu beschleunigen, könnte man beispielsweise das Bargeld gegenüber dem Bankguthaben abwerten und es dadurch unattraktiver machen, sagt etwa Citigroup-Chef Willem Buiter.

Der ehemalige amerikanische Finanzminister Larry Summers geht noch einen Schritt weiter. Er will das Bargeld am liebsten gleich abschaffen. So könne sich niemand den Negativzinsen entziehen, sollten der Leitzins der Notenbanken erneut ins Minus rutschen. Summers zählt damit zu den radikaleren Bargeld-Gegnern.

Negativzinsen und Aufschläge auf Bargeld

Laut Katrin Assenmacher, Leiterin Geldpolitische Analysen bei der Europäischen Zentralbank, und Signe Krogstrup, Beraterin des Internationalen Währungsfonds, ist es mittelfristig gar nicht möglich, Bargeld abzuschaffen. Die Abhängigkeit von Bargeld sei dafür noch zu hoch. Für sie komme nur eine schrittweise Abwertung in Frage, indem man das Bargeld etwa mit einem Negativzins belege.

Der Chefökonom der Citigroup schlägt ebenfalls vor, Bargeld bei negativen Zinsenlaufend gegenüber dem Bankguthaben abzuwerten. Verbraucher können dann anhand eines tagesaktuellen Wechselkurses den Wert des Bargelds mit dem des Bankguthabens vergleichen.

Schweden ist gegen Bargeldabschaffung

Allerdings müssten Händler für ihre Produkte bei Barzahlungen dann jedoch einen Aufschlag verlangen. Um die elektronische Zahlung attraktiver zu machen, müssten sie zudem ihre Produkte mit den Preisen in elektronischer Währung auszeichnen. Zudem dürfte Bargeld nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel gelten.

Da es bei elektronischem Geld verschiedene, miteinander konkurrierende Anbieter geben würde, seien stark steigenden Gebühren bei Zahlungsabwicklungen selbst bei einer kompletten Bargeldabschaffung unwahrscheinlich.

Stefan Ingves, Chef der schwedischenNotenbank, sieht einen kompletten Verzicht auf Bargeld allerdings kritisch. Gerade in schwierigen Zeiten sei es ein stabiles Zahlungssystem. Zur Erinnerung: Bei bargeldlosem Zahlungsverkehr ist Schweden führend.

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