Die Familie Stolperstein

Die Lieblingsjuden der Deutschen heißen Herr und Frau Stolperstein und ihre Kinder. Sie widersprechen nicht, sprechen gar nicht, kennen ihren Status, liegen am Boden und geben ein gutes Gefühl. Es ist nicht schlimm, wenn man auf ihnen herumtrampelt. Vor allem aber sind sie tot!
Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die meisten Deutschen lieben ihre Stolpersteine. Sie sind stolz auf sie.
Ich habe in meiner Schulzeit jeden 9. November mit dem Schulchor vor dem Gedenkstein in meinem niedersächsischen Heimatdorf Haren (Ems) gesungen, der an die Synagoge erinnert, die 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde.
ch habe Klassenfahrten nach Dachau und Theresienstadt gemacht, habe mit Oma und Opa über die Zeit des Nationalsozialismus’ gesprochen und “Schindlers Liste” im Leistungskurs Geschichte geschaut. Ich bin, was man einen Vergangenheitsbewätiger nennen kann. Wir haben uns mit unserer Vergangenheit auseinander gesetzt. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Heute sitzen wir hier und ganz weit weg von uns die Vergangenheit. Gegenwärtige Probleme werden in Deutschland erst in der Zukunft als Vergangenheit bewältigt! In Deutschland findet Judentum fast nur noch in Gedenkstunden statt. Juden sind Gespenster von damals. In Schulen taucht das Judentum deutlich öfter im Geschichtsunterricht auf, als im Philosophie-, Ethik-, Religions- oder Gesellschaftskundeunterricht. Deutschland ist stolz auf seine Vergangenheitsbewältigung, die es ohne die Vergangenheit natürlich nicht gäbe. Eine deutsche Straße, die was auf sich hält, hat mindestens einen Stolperstein. Ohne Stolperstein findet man als Straße heute gar nicht mehr statt. Der Trend geht zum Zweitstolperstein! Bei dem ganzen Stolz um die ermordete jüdische Familie Stolperstein vergessen viele Deutsche jedoch die lebenden Juden von heute.
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WDR-„Faktencheck“: Recht auf Einspruch nur für Israelhasser

Mit seinem sogenannten „Faktencheck“ zu Joachim Schröders und Sophie Hafners Film „Auserwählt und Ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa“ hat der WDR für Belustigung gesorgt. Manche sagen: Hätte das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal so gearbeitet, Julius Streicher wäre nicht verurteilt worden. Was nun Streicher betrifft, so wissen wir nicht, wie man beim WDR über ihn denkt; er ist einer der wenigen im Film erwähnten Antisemiten, die im Faktencheck nicht vorkommen. Richard Wagner hingegen erhält endlich seinen Persilschein: „Der Antisemitismus Richard Wagners [wird] in der neueren Forschung nun gerade als nicht rassistisch bewertet“, will der WDR herausgefunden haben. Die „neuere Forschung“ spreche vielmehr von Wagners „Erlösungsidee“. Sollte es vielleicht Endlösungsidee heißen? Dann würde es stimmen. Wir Rheinländer werden ja nicht immer gut verstanden. Als der WDR beklagte, im Film gebe es nicht hinreichend „Belege“, haben natürlich alle gedacht, die Verantwortlichen in der Kölner Zentrale wären hocherfreut, wenn dort schubkarrenweise Belege etwa für den Antisemitismus von Mahmud Abbas angeliefert werden. Jetzt stellt sich heraus: So war das nicht gemeint. In keinem einzigen Fall hat der WDR überhaupt nach Belegen für Antisemitismus gesucht. Der „Faktencheck“ ist vielmehr das Zertifikat, dass alles, was sich wie Antisemitismus anhört, in Wirklichkeit koscher ist – mögen die Argumente, mit denen das begründet wird, auch noch so an den Haaren herbeigezogen sein. Mahmud Abbas mag zwar in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament gesagt haben: „Erst vor einer Woche haben israelische Rabbiner eine deutliche Erklärung abgegeben: Sie verlangten von ihrer Regierung, das Wasser zu vergiften um Palästinenser zu töten.“ Hieraus, so der WDR, dürfe aber nicht „die Behauptung abgeleitet“ werden, „die Rede Abbas stünde in einer Tradition, die den Juden seit dem Mittelalter vorwirft, Brunnen zu vergiften“, denn: „Von ‚Brunnen’ spricht Abbas hier jedoch nicht.“ Daran, aus welchem Brunnen der WDR sein trübes Wasser schöpft, kann keine Zweifel haben, wer die Replik auf die Äußerungen liest, die der Politikwissenschaftler Stephan Grigat im Film macht. Wenn Grigat dort etwas scheinbar so Selbstverständliches sagt wie: „Große Teile der Linken haben [nach 1945] einfach so getan, als wenn man wieder 1932 anfangen könnte“, dann macht das die Programmverantwortlichen des WDR ziemlich sauer. Sie haben dazu folgendes zu sagen: „Sozialistische Systeme wie DDR und Sowjetunion grenzten sich … deutlich vom Nationalsozialismus ab.“ Die Ära, in der der WDR als sozialdemokratisch galt, scheint vorbei zu sein: Unter allen Linken, die man als Gegner des Nationalsozialismus rühmen könnte, fallen dem WDR nicht etwa Kurt Schumacher oder Willy Brandt ein, sondern die DDR und die Sowjetunion. Grigats Meinung hätte nicht unkommentiert bleiben dürfen, so der WDR, sondern hätte „kritisch gesehen“ werden müssen, zumal die Sowjetunion und die DDR den „Faschismus“ ja „wissenschaftlich erforscht“ hätten. Wie viele Scherereien hätten sich die Autoren erspart, wenn sie sich an die wissenschaftlichen Autoritäten gehalten hätten, die der WDR empfiehlt! Auf Grundlage dieser Forschung hätten sie den Antisemitismus dann z.B. als ein „spezifisches Mittel“ erklärt, „um die gesellschaftlichen Ursachen der Scheidung zwischen Besitzenden und Besitzlosen, der erbarmungslosen Knechtung der Produzenten durch die Besitzer der Produktionsmittel zu verschleiern“. (Walter Mohrmann: Antisemitismus – Ideologie und Geschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Ost-Berlin 1972). Da wären sie nicht in Fettnäpfchen getreten, und keine NGO hätte sich beschwert.
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