Alles eins und nichts

Moral ist nichts Universelles – schon gar nicht in einer multikulturellen Gesellschaft, in der allein aus religiösen Unterschieden viel mehr noch als in der homogenen Gesellschaft unterschiedliche Vorstellungen von Moral existieren. Warum das „Volk“ zum Verhandlungsgegenstand wird und nicht mal mehr als „Köterrasse“ beschimpft werden kann.

Wie kann man das, was in Deutschland gerade passiert, in Worte fassen. Jetzt, wo sich fernab von Sommermärchen, Sonnenscheindemokratie und Exportweltmeisterschaften angesichts akuter Terror-Bedrohung und Integrations-Mammutaufgabe zeigt, wie viel Substanz tatsächlich noch hinter dem Begriff „Deutsch“ steckt. Das niederschmetternde Ergebnis: Nicht mehr viel und schaut man auf das Verhalten von führenden Politikern und Justiz, scheint das zumindest durchaus so gewollt.

Was sich hier zeigt, ist nicht nur die innere Leere eines Volkes, dass selbst nicht mehr so genau weiß, wer es ist und was es eigentlich ausmacht, sondern vor allem die Leere einer politischen Spitze und medialen Beliebigkeitsöffentlichkeit, die es sich offenbar zur Aufgabe gemacht haben, auch noch dem letzten verbleibenden Teil der Deutschen, der sich auch noch als solcher definiert, sein „Deutschsein“ abzugewöhnen, indem man ihm nicht nur in den letzten Monaten das Recht auf Gefühle bezüglich bestimmter Themen abgesprochen hat, sondern auch das Recht, sich überhaupt als eigenständige Gruppe zu definieren und damit auch von anderen abzugrenzen.

Volk sind alle …

Kurzerhand wurde der Begriff des „Volkes“ von Bundeskanzlerin Merkel umdefiniert. Zum „deutschen Volk“ soll nun ab sofort jeder gehören, der hier lebt. Also auch all jene, die gerade erst vor wenigen Wochen oder Monaten ihren Fuß auf deutschen Boden gesetzt haben, über keinen deutschen Pass verfügen und noch nicht einmal die deutsche Sprache verstehen, geschweige denn sprechen. Ein durchaus praktischer Zug, spart man sich damit doch die längst lästig gewordene Diskussion um die ohnehin schwierige eigene nationale Identität. Um das, was das Deutschsein eigentlich ausmacht und die Leitkultur, in die man sich als Einwanderer wenn möglich noch vor einigen Monaten hineinintegrieren sollte. Deutsche – das sind ab jetzt einfach alle. „Das Volk ohne Eigenschaften“, wie Dirk Schümer die Deutschen Anfang des Jahres in einem seiner Essays auf WELT Online treffend nannte, steht damit dank weltweit einzigartigem Schuldkomplex und darauffolgender unkontrollierter Einwanderung nicht mehr nur im kulturellen, sondern ergänzend dazu auch endlich im rhetorischen Sinne kurz vor seiner Vollendung. Nie wieder böse Worte wie „Deutsche“, „Nation“ oder „Identität“ und den Integrationskurs für die Hunderttausenden mehrheitlich jungen Männer aus dem islamischen Kulturkreis spart man sich damit auch.

Das ruft zunächst mitunter auch Empörung hervor. Zumindest im kleinen Teil der Bevölkerung, dem die eigene kulturelle Identität und die in diesem Land bis vor kurzem noch gelebten Werte etwas bedeuten. Und dennoch ist es nichts anderes als die logische rhetorische Fortführung der kulturellen Auflösung der Deutschen. Waren Deutsche vor einigen Monaten zumindest noch die, die in Abgrenzung zu den Neuankömmlingen „schon länger hier leben“, wurde nun auch diese Diskriminierung der neuen Bürger konsequent hinweggefegt, zumindest wenn sie von Deutschen ausgeht und nicht von Angehörigen anderer Nationen. Da ist es dann auch nicht so wichtig, dass das Grundgesetz eine Gleichsetzung von Volk und Bevölkerung nicht vorsieht. Dass man es damit nicht so genau nimmt, wurde bereits während der Migrationskrise eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Oder wurde die Gültigkeit von Artikel 16a inzwischen wieder hergestellt?

… oder niemand …

Mit dem Aufregen ist es so eine Sache. Gemeinhin verlangt der Deutsche da schon, dass man ihn von medialer Seite ein wenig darauf hinweist, worüber er sich jetzt im Einzelnen genau aufzuregen hat. Sarah und Pietro Lombardi, falsch verlesene Oscar-Gewinner oder eben doch Merkel oder Schulz, das sind die Themen. Die Schwerpunktsetzung der Medienvertreter gibt es vor und an die halten die Menschen sich auch gemeinhin. Und so kann es dann auch schon einmal passieren, dass man angesichts der ganzen Empörung gegenüber Trump vergisst, vor der eigenen Haustüre zu kehren. Mit dem Finger auf andere zeigen, ist angenehmer.

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