Als Frau Merkel während der Großen Öffnung 2015 ihre Regierungserklärung bei Anne Will abgab, war eines der Hauptanliegen der Kanzlerin, „die Fluchtursachen zu bekämpfen“. Das klang schon damals etwas verwegen, wenn nicht sogar vermessen, ganz so als könne und wolle die EU Frieden vom Nahen Osten bis tief nach Afrika bringen. Und natürlich bessere Lebensverhältnisse. Und Bildung. Und Arbeitsplätze. Und Demokratie. So stellt man sich unter den gutmeinenden Populisten eine Mission vor.
Und weil die EU zu faul und feige ist, ordentliche Konzepte und tragfähige Lösungen zu entwickeln und sich zu den Brutalitäten, die zur Verhinderung einer ungehinderten Migration notwendig sind, zu bekennen, sourcte man diese Brutalitäten an die Türkei aus. Das Sonnen in der eigenen moralischen Überlegenheit ist vor allem den Deutschen wichtiger, als harte Entscheidungen zu treffen. Das würde den Stolz auf die Wiedergutwerdung gefährden, was um jeden Preis zu verhindern ist.
Dann kam der Brexit und dann kam Trump. Mit Ersterem verabschiedeten sich die Briten aus dem Lummerland der vorgegaukelten Gutmütigkeiten und Letzterer hat ganz offen mit den Gemeinheiten, die der Schutz der eigenen Interessen mit sich bringt, Wahlkampf betrieben. Wäre Donald Trump nicht US-Präsident geworden, Victor Orban hätte weiter seine Rolle als Projektionsfläche allen Bösens für deutsche Medien und deutsche Politiker spielen müssen. So wurde Trump der neue Gottseibeiuns.
Wir lassen eine Mauer bauen – in der Türkei
Und das wohl Schrecklichste und Menschenverachtenste, was man Trump vorwerfen konnte, war der Plan, eine Mauer zu Mexiko bauen zu wollen. Mauern? Nein, das geht gar nicht. Damit stellt sich jeder, der das vorhat, außerhalb des westlichen Wertekonsens. Grenzen müssen offen sein. Oder zumindest so geschlossen, dass es niemand gleich merkt. Denn wozu trieb man die Türken mit den Verlockungen europäischen Geldes an: zum Bau einer Mauer.
„Fluchtursachen bekämpfen“ hätte Frau Merkel 2015 bereits „Mauern bauen“ nennen können, nur halt nicht hier auf heiligem europäischen Boden, sondern weit, weit weg, wo sie niemand sehen muss. So bleibt man in der komfortablen Lage, die Amerikaner vor dem Ausscheiden aus der westlichen Wertegemeinschaft warnen und selbst die Hände in Unschuld waschen zu können. Die Drecksarbeit sollen immer die anderen machen. Wäre man ehrlich, würde man diesen Umstand als Teil der „westlichen Wertegemeinschaft“ erkennen, denn auch sie baute nach dem Zweiten Weltkrieg darauf auf, dass die Amerikaner die Drecksarbeit verrichteten, während sich die Europäer der eigenen moralischen Höherentwicklung widmen konnten.
Inzwischen sind 290 Kilometer Grenzmauer auf türkischem Gebiet zu Syrien schon fertig. 511 Kilometer sollen es werden, wie die Tagesschau zu berichten weiß. Und weiter: „Druck kam vor allem von der EU.“