von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 17. Juli 2016

Die evangelische Kirche Deutschland (EKD) hat 2017 zum Luther-Jahr gekürt, um die Verdienste des Reformators zu würdigen, darunter dessen wortgewaltige und einzigartige Übersetzung der Bibel ins Frühneuhochdeutsche. Dieses Luther-Jahr wird das erste Jahrhundertjubiläum seit Auschwitz sein, schreiben die Autoren einer Neuauflage von Luthers Spätschrift „Von den Jüden und iren Lügen“ (so der Originaltitel).

Bei einem Besuch in der Lutherstadt Wittenberg vor ein paar Jahren boten die Buchhandlungen fast alles an, was Luther oder über Luther geschrieben worden war. Nur ein Buch war nicht zu finden. Eben jenes Spätwerk. Es passt nicht so recht in das Konzept der EKD nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Luther-Archiv war damals so freundlich, mir die Fotokopie eines Nachdrucks aus der Nazizeit 1936 anzufertigen.

Jetzt haben vier Autoren, Karl-Heinz Büchner, Bernd Kammermeier, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling, im Aschaffenburger Alibri Verlag das umstrittene Luther-Buch neu herausgegeben. Auf der linken Seite ist in Schwabacher Frakturschrift der Originaltext aus dem Jahr 1543 mitsamt Orthografie-Fehlern wiedergegeben. Auf der rechten Seite ist eine hochdeutsche Übersetzung in normalen lateinischen Lettern abgedruckt. Stets kann man auf Luthers Originalformulierungen zurückgreifen. Am Ende des Buches befinden sich noch 200 Endnoten mit Erläuterungen zu den von Luther verwendeten Namen und Begriffen, die dem heutigen Leser nicht mehr geläufig sind.

Luther hat in dieser Spätschrift seinen abgrundtiefen Hass gegen Juden ausgebreitet. Das Buch liest sich wie eine Vorlage für Hitlers Judenverfolgungen. So empfahl der Reformator, Synagogen und „Judenhäuser“ zu verbrennen und Juden wie die „Zigeuner unter ein Dach oder in einen Stall“ zu tun. Man solle ihre religiösen Bücher wegnehmen und Rabbinern, unter Androhung der Todesstrafe, das Lehren verbieten. Luther empfiehlt eine Aufhebung der Bewegungsfreiheit für Juden, Zwangsenteignungen und Zwangsarbeit.

Zum Auftakt der Luther-Dekade 2008 hatte der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber Luthers judenfeindliche Schriften als „beschämende Aussagen zu den Juden“ verniedlicht. Schon ein flüchtiger Blick auf willkürlich ausgewählte Seiten dieses Buches macht verständlich, warum die evangelischen Kirchen dieses Spätwerk vor ihren 70 Millionen Anhängern versteckt haben. So wurde bewusst ein unvollständiges und verfälschtes Bild des Reformators vermittelt, der immerhin ungewollt zu einer Spaltung der katholischen Kirche geführt hat und so den Weg zum verheerenden Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) geebnet.

Es sollen noch zwei weitere Bände mit judenfeindlichen Schriften Luthers folgen. Die Spätschrift war kein Ausrutscher. Der Judenhass zog sich wie ein roter Faden auch durch andere Werke seines letzten Lebensdrittels. Ein Vorgeschmack, aus Luthers Tischrede Nr. 1795, wurde dem Buch als Motto vorgesetzt: „Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen, ihn hinabstoßen, und sagen: Ich taufe Dich im Namen Abrahams.“ Hierzu sei angemerkt, dass der prominente Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann 2013 in Evangelischen Akademie der Nordkirche in Hamburg behauptete: „Luther konnte sich Judenmord nicht vorstellen“

Vorsorglich warnen die Autoren davor, Luthers Schrift nicht zur Rechtfertigung von neonazistischem oder antisemitischem Gedankengut zu missbrauchen. Die werkgetreue Übertragung in heutiges Deutsch diene allein der Aufklärung.

Langsam setzt sich inzwischen auch die EKD mit den unrühmlichen Gedanken ihres Kirchengründers auseinander, mag aber noch immer nicht die Dinge beim Namen nennen. Es heißt: “Luthers Empfehlungen zum Umgang mit Juden seien widersprüchlich und hätten Schmähungen und Forderungen nach vollständiger Entrechtung und Vertreibung der Juden eingeschlossen.“ (ekd) Dass der Reformator ein hasserfüllter antisemitischer Mordhetzer war, will den Vertretern seiner Kirche noch nicht in die Feder. Es steht zu hoffen, dass am Ende des Jahres auch diese historische Wahrheit ungeschminkt dasteht. Für die Lutherdekade und das Luther-Jahr haben Bund, Länder und Kommunen ein Gesamtetat von über 220 Millionen Euro aus Steuergeldern bereitgestellt.

 

(C) Ulrich W. Sahm